Unser Nowruz und ihr Frost
Meine Damen und Herren,
Am Anfang war das Feuer.
Das Feuer war der erste Lehrer der Menschheit — es zeichnete die Grenzen unserer Existenz an die Wände der Höhlen. Aber Feuer, wie ich gelernt habe, ist nicht bloß eine physische Kraft. Es ist eine moralische Entscheidung. Dieselbe Flamme, die ein Haus wärmt, kann ein Dorf verbrennen. Wir entscheiden, was wir damit tun.
Ich stehe heute vor Ihnen als jemand, der noch immer in dieser Entscheidung lebt.
Ich bin Syrer. Ich lebe in einem Lager nicht weit von hier. Und ich warte noch immer — wie viele von Ihnen wissen — auf ein Stück Papier, das mir sagen wird, ob ich dazugehören darf.
Ich komme aus einem Land, in dem der Frühling einen Namen hat.
Wir nennen ihn Nowruz — den neuen Tag. Aber lange bevor dieser Name existierte, erzählten die Menschen Mesopotamiens eine Geschichte über eine Göttin namens Ischtar. Sie war nicht einfach ein in Stein gemeißeltes Idol. Sie war der Morgenstern — jener Planet, der sowohl im Morgengrauen als auch in der Abenddämmerung erscheint, weder vollständig Tag noch vollständig Nacht. Sie war die Göttin der Liebe, die den Krieg nicht fürchtete. Sie war das kosmische Gewissen — jene Kraft, die gibt, ohne etwas zu verlangen.
In unserer Mythologie stieg Ischtar in die Unterwelt hinab — in die Dunkelheit, in die Kälte, in den Tod — nicht weil sie besiegt wurde, sondern weil sie es wählte. Und als sie zurückkehrte, erblühte die Erde erneut.
Ich denke in letzter Zeit oft an Ischtar.
Denn ich glaube, sie lebt gerade in einem Lager.
Die Göttin, die einst in großen Tempeln verehrt wurde, teilt heute ein enges Zimmer mit Fremden hinter einem Zaun. Wir haben die Königin des Himmels genommen und sie in eine Verwaltungsnummer verwandelt. Wir haben sie auf ein kaltes Metallbett gesetzt und ihr gesagt: Warte.
Ich spreche nicht metaphorisch. Ich spreche von meinen Nachbarn.
Ich spreche von der Frau im Zimmer neben meinem — die in Damaskus Ärztin war. Ich spreche von dem jungen Mann, der Mathematik unterrichtete und nun seine Tage damit verbringt, immer wieder dieselben Formulare auszufüllen, während er durch ein kleines Fenster zusieht, wie die Jahreszeiten wechseln.
Das ist keine Beschwerde. Es ist die Beschreibung von etwas Realem.
Nowruz erinnert uns daran, wie die Alternative aussieht.
Jedes Jahr, an diesem Tag, entscheidet etwas in uns, die Kälte nicht als dauerhaften Zustand zu akzeptieren.
Die Stimmen der extremen Rechten in diesem Land — jene, die von Kultur sprechen und dabei Ausgrenzung praktizieren — wollen Sie davon überzeugen, dass Andersartigkeit Gefahr bedeutet, dass der Fremde eine Bedrohung ist, dass das Tor geschlossen bleiben muss.
Ich möchte ihnen eine einzige, einfache Frage stellen.
Wenn Sie an einem Frühlingsmorgen in Hamburg nach draußen treten und Ihr Gesicht der Sonne zuwenden — derselben Sonne, die über Aleppo und Erbil und Teheran aufgeht — fragt Sie die Sonne nach Ihrem Pass, bevor sie Ihnen ihre Wärme schenkt?
Die Sonne ist universal. Sie sortiert die Menschen nicht nach ihrer Herkunft.
Und ein Wald, der aus nur einer einzigen Baumart besteht, stirbt — biologisch gesehen — bereits. Vielfalt ist keine politische Haltung — sie ist ein Gesetz der Natur.
Die Geflüchteten, die Sie heute sehen, sind keine Last.
Sie sind Brennstoff. Sie verbrennen ihre Jugend, ihre Erinnerungen, ihre Sehnsucht — in den Öfen der Wartezimmer und Ausländerbehörden — um einer Gesellschaft etwas zurückzugeben, die noch nicht entschieden hat, ob sie sie aufnehmen will.
Ich brenne jeden Tag. Nicht vor Wut — vor Hoffnung. Mit dieser hartnäckigen, irrationalen, zutiefst menschlichen Überzeugung, dass dieser Frühling anders sein wird als der letzte.
Das bedeutet Nowruz für mich.
Es ist kein Fest für eine einzige Ethnie oder eine einzige Religion. Es ist jener Moment, in dem das Gewissen beschließt, das Eis zu schmelzen — egal wie dick die Bürokratie ist, egal wie tief der Hass reicht.
Meine Damen und Herren,
Kein Lager kann Ischtar gefangen halten.
Kein Gesetz kann den Frühling aufhalten.
Nowruz ist unsere gemeinsame Flamme — die Erkenntnis, dass wir unter all den Sprachen, Grenzen und hängenden Akten eins sind.
Lasst uns heute nicht unsere Unterschiede feiern, sondern unser gemeinsames Feuer.
Seid die Wärme. Seid die Flamme, die sich weigert zu erlöschen.
Ein gesegnetes neues Jahr — für jede lebende Seele in diesem Saal und darüber hinaus.
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