Keine Geburt nach vierzig

Das Fehlen des Rechts auf eine zweite Geburt – oder auf einen Neuanfang, eine Definition, eine Wahl – bedeutet im Grunde die Verweigerung der Existenz selbst.

Es fasst die Krise der Identität und des existenziellen Exils zusammen, in der der Mensch unter auferlegten Zwängen lebt, wo das Leben zu einem Verwaltungsakt wird und die Geburt zu einem bürokratischen Verfahren.

Genau das verkörpert die Kälte des modernen Systems im Gegensatz zur Wärme des menschlichen Schmerzes.


Wenn man um etwas bittet, das möglich ist, und man begegnet einer herablassenden Lächeln oder einem spöttischen Lachen –

dann darf man nicht glauben, dass der Löwe die Zähne zeigt, um zu lachen.

Das Lachen ist hier keine Komödie, sondern eine tragische Ironie,

ein Ausdruck einer Welt, die ihr Mitgefühl verloren hat und zu lachen beginnt,

wenn ein Mensch um eine zweite Chance zum Leben bittet.


Schmerzhaft ist es, ein Wesen zu bleiben, das zwischen Nichtsein und Leben hängt,

gefangen in einem bürokratischen Apparat, der ihn gar nicht als Menschen anerkennt.

Verloren in endlosen Dialektiken – vom Tod zur Geburt, vom Individuum zur Maschine,

vom Heimatland zum Exil – bis man das Ausmaß der Tragödie erkennt,

oder vielleicht nie erkennt,

weil man ohne offiziellen Stempel nicht als existent gilt.


Die Geburt geschieht nicht nur einmal – und sie ist nicht nur biologisch, sondern auch sozial und geistig.

Sie ist das Recht des Menschen, als lebendiges Wesen anerkannt zu werden,

nicht als Akte oder Nummer.

Warum weigert sich die Welt, dem Menschen eine zweite Chance zu geben?


Warum besteht sie darauf, uns in einem ewigen Konflikt zu halten –

zwischen Wärme und Geborgenheit auf der einen Seite

und Kälte und Isolation auf der anderen?

Damit der Mensch ein Gefangener bleibt –

nicht nur in Mauern, sondern in den Institutionen selbst.


Das ist das moderne Europa:

Alles funktioniert präzise –

nur der Mensch erstickt in dieser Präzision.


Man versucht, sich selbst aus dem Gedächtnis der verlorenen Identität zu retten,

und flieht in eine neue Identität.

Doch der Flüchtende lebt nicht –

er überlebt.

Und dieses ewige Überleben ist eine andere Form des Todes,

denn er versucht, in einer Welt geboren zu werden,

die ihn ablehnt.


Die Welt ist so bürokratisch geworden,

dass selbst die Geburt eine Genehmigung braucht.

Der Mensch wird mehrmals geboren –

und wird doch nie anerkannt.

Er verwandelt sich in ein Wesen zwischen Akte und Vorstellung,

ein Wesen, das ohne Erlaubnis fühlt,

ohne G

enehmigung liebt

und trotz des Verbots träumt.

--------------------------------------------------------


 … Keine Geburt nach vierzig



Ich bin geflohen –

nicht, weil ich feige war,

sondern weil ich kein Urteil fand, das mir erlaubte, am Leben zu bleiben.


Ich floh in die Zukunft,

weg von jenen,

die im Namen Gottes schreien

und den Tod unter sauberen Turbanen tragen.


Ich kam in ein kaltes Land.

Hier verspätet sich kein Zug,

das Leben ist geordnet – wie eine höfliche Ohrfeige.


Ich setzte mich in die Schlange.

Sie fragten mich:

„Was ist der Grund Ihrer Ankunft?“

Ich sagte:

„Ich möchte geboren werden.“


Der Beamte lachte, seine Reißzähne blitzten,

und er sagte:

„Es tut uns leid … keine Geburt nach vierzig.“


Seit diesem Tag lebe ich

wie ein vergessenes Embryo im Schoß der Bürokratie,

ernähre mich von amtlichen Briefen

und atme durch ein Loch im Zelt, das heißt:

„Bei nächster Gelegenheit.“


Ich habe versucht zu leben.

Doch jedes Mal, wenn ich lache,

fragen sie nach meinem Geburtsdatum –

und ich bin noch nicht geboren.


Wenn ich weine,

sagen sie: „Stören Sie das System nicht.“


Ich versuchte zu lieben,

sie sagten:

„Liebe erfordert eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis.“


Ich versuchte zu träumen,

sie sagten:

„Träume sind den Bürgern vorbehalten.“


Mit vierzig –

wie schwer ist es, ein Vaterkind zu sein mit vierzig!

Hätte mein Name vielleicht

auf der Liste der Toten stehen sollen,

damit ich wiedergeboren werde?


Und doch besitze ich

ein Zelt, ein Loch in der Seele,

und eine zweifelhafte Geburtsurkunde.


Im Spiegel sehe ich kein Gesicht,

sondern das alte Bild eines Flüchtenden,

der nie gefasst wurde.


Mich heimsuchen Albträume der Rückkehr –

die Straße gesäumt von Fatwas,

frischen Beerdigungen,

und Fahnen, die „Allahu Akbar“ rufen,

bevor sie überhaupt wehen.


Ich verliere mich in meinem Spiegelbild

und denke:

Wenn das Leben eine Mutter ist,

dann ist sie eine Mutter,

die ihr Kind an der Tür eines Waisenhauses zurücklässt.


Und wenn der Krieg ein Vater ist,

dann ist er ein Vater,

der bei einem religiösen Sender arbeitet.


Und ich –

ihr einziges Kind,

das versucht hat, mit vierzig geboren zu werden,

und das Europa jeden Tag abtreiben will.


Einmal nimmt sie die „Antireise-Pille“,

ein anderes Mal

stößt sie mit einem Glas auf die Wiedervereinigung an,

oder sie injiziert sich die „Abschiebung“.


Europa –

sei nicht süchtig nach meiner Ablehnung.

Ich bin ein Kind mit vierzig,

stur – wie ein Rebell.


Im Warten auf meine Wehen

frage ich mich leise:

Muss ich wirklich geboren werden?

Oder darf ich einfach … leben – ohne Erlaubnis



Hamburg ,2025


Comments

Popular posts from this blog

Bitte behandelt uns wie Hunde

Ein Brief an das deutsche Volk