Der Quanten-Hund


Acht Uhr morgens.

Dieselbe Bank.

Derselbe Park.

Derselbe Tau auf dem Gras.


Aber heute hat sich etwas in meinem Algorithmus verändert.


Heute beobachte ich die Hunde nicht.


Heute beneide ich sie.


Und ich weiß, dass ich sie beneide.


Und genau dieses Wissen — das ist der Teil, der schmerzt.



In der Quantenphysik gibt es ein einfaches und zugleich erschreckendes Konzept.


Es besagt:


Ein Teilchen wählt seinen Ort nicht.

Ein Teilchen befindet sich überall gleichzeitig.

Bis man es beobachtet.

Bis man es misst.


Dann wird es gezwungen, nur noch an einem einzigen Ort zu sein.


Als ich in dieses Land kam, war ich all diese Dinge gleichzeitig.


Der Ingenieur, der träumt.

Der Vater, der plant.

Der Mensch, der abends Quantenphysik liest und das Wesen der Existenz hinterfragt.


Dann maß mich der Staat.


Ein Formular.

Eine Fallnummer.

Ein Zimmer im Lager.


Und ich verlor meine Superposition.


Ich wurde zu einem einzigen Ding: Asylbewerber.



Der schwarze Hund vor mir rennt wieder hinter seinem Ball her.


Er weiß nicht, dass ich ihn beobachte.

Er weiß nicht, dass meine Beobachtung etwas in mir verändert.


In der Quantenphysik gilt: Wenn man ein Teilchen beobachtet, verändert sich nicht man selbst — es verändert sich das Teilchen.


Aber in meinem inneren Algorithmus ist genau das Gegenteil passiert.


Ich habe den Hund beobachtet.


Und ich habe mich verändert.



Scham ist etwas Seltsames.


Sie ist nicht wie Schmerz.

Schmerz kommt von außen.

Scham baut das Gehirn von innen — aus Rohstoffen, die es überall aufsammelt.


Aus dem Blick einer Nachbarin im Flur.

Aus dem gelben Brief, der noch nicht gekommen ist.

Aus einem Hund, der einen Wintermantel trägt.


Mein Gehirn nimmt diese Rohstoffe

und formt daraus eine einzige, schmerzhafte Frage:


Seit wann verdient der Hund, was ich nicht verdiene?


Und dann formt es daraus Scham.

Weil ich die Frage gestellt habe.



Der Hund sitzt jetzt neben seiner Besitzerin.

Sie streicht ihm sanft über den Kopf.


Ihr Tonfall ist eindeutig.

Der Tonfall von jemandem, der weiß: Das Wesen vor mir gehört dazu.

Es hat Heimat hier. In diesem Park. In dieser Stadt. In diesem Land.


Ich denke:

Zugehörigkeit ist in der Quantenphysik wie Quantenverschränkung.


Wenn zwei Teilchen verschränkt sind,

werden sie zu einem einzigen Ding — egal wie weit sie voneinander entfernt sind.

Was dem einen passiert, passiert dem anderen sofort.

Ohne Verzögerung.

Ohne Formulare.

Ohne Wartezeit.


Der Hund ist mit diesem Land verschränkt.


Ich warte noch darauf, dass die Verschränkung beginnt.



Es gibt ein berühmtes Experiment in der Quantenphysik.

Es heißt das Doppelspaltexperiment.


Man schickt ein einzelnes Teilchen los.

Es passiert zwei Spalte gleichzeitig.

Als wäre es eine Welle, kein Teilchen.


Aber sobald man eine Kamera aufstellt, um zu beobachten, durch welchen Spalt es geht —

hört es auf, eine Welle zu sein.

Es wird ein gewöhnliches Teilchen.

Es passiert nur noch einen Spalt.


Beobachtung tötet die Möglichkeiten.


Ich war eine Welle, als ich noch in meiner Heimat war.

Alle Möglichkeiten offen.

Alle Wege begehbar.


Dann floh ich vor dem Krieg.

Überquerte die Grenze.

Und der Staat stellte seine Kamera auf.

Und maß mich.


Ich wurde zum Teilchen.

Ein Spalt.

Ein Weg.


Eine Akte.



Die Scham ist zurückgekehrt.

Aber diesmal weiß ich, woher sie kommt.


Nicht weil ich einen Hund beneide.


Sondern weil mein Verstand einwandfrei funktioniert.


Mein Algorithmus ist intakt.


Ich sehe den Widerspruch.

Ich verstehe ihn.

Ich fühle ihn.

Und ich weigere mich, so zu tun, als wäre er normal.


Diese Weigerung...


ist das Letzte, was mir bleibt.


Das Letzte, was der Staat noch nicht gemessen hat.


Die letzte Möglichkeit, die noch nicht getötet wurde.



Der schwarze Hund rennt wieder hinter seinem Ball her.


Glücklich.

Frei.

Unbeobachtet.


Und ich sitze auf meiner Bank.

Ich trage diese Scham wie eine Auszeichnung.


Und ich denke:


Vielleicht liegt der echte Unterschied zwischen mir und diesem Hund

nicht im Pass.

Nicht in den Impfungen.

Nicht im Wintermantel.


Der Unterschied ist:


Ich weiß, dass ich ihn beneide.


Und dieses Wissen allein...


macht mich menschlicher als er.

U

nd einsamer.

Gleichzeitig.



Hamburg — ein kalter Morgen — eine Holzbank — ein glücklicher Hund — ein Mensch, der über Quantenphysik nachdenkt, einen Hund beneidet, und weiß, warum

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